Taugen Pilze zum Giftmord ??              

Die meistgestellte aller Fragen an einen Pilzkundigen lautet schlicht: "Kann man den essen?" Mindestens 99% aller Pilzeinsteiger und Laien brennt keine andere Sorge so sehr unter den Nägeln wie ebendiese.
Direkt danach  - aber mit prozentual weitem Abstand - kommt eine kontroverse Frage: "Wie viele und welche Pilze brauche ich, um meine Schwiegermutter ins souterranische Endmöbel zu befördern?"

Eine Frage, die ungleich schwieriger zu beantworten ist, 
z
umindest seit die pfiffigen Weißkittel so ziemlich alle Pilzvergifteten vor dem Exitus bewahren können. Okay, manche (die Patienten, nicht die Weißkittel) haben hinterher einen dauerhaften Organschaden, manche brauchen auch eine neue Leber oder eine neue Niere.... Kein Problem mit der modernen Technik, und die Krankenkasse rechnet bequem nach Fallpauschale ab. 
Chapeau!: Den hippokratischen Jüngern geht nur noch in Ausnahmefällen einer als Opfer von Giftpilzen durch die Lappen.

Die Giftpilzmahlzeit für Schwiegermammi ist also eine höchst unsichere, 
und, wie nachfolgend dargestellt, völlig unbrauchbare Mordmethode. 

Und kaum von Krankenlager genesen, ist Ihnen die Dame am Ende sogar noch weniger wohlgesonnen als vordem schon.

Für die, die es trotzdem wissen wollen, seien nachstehend einige theoretische Hinweise gegeben, einen möglichst wirksamen Gift-Cocktail zu bereiten. 

Als erstes kommt der Grüne Knollenblätterpilz (auf vornehm Amanita phalloides) in Betracht. Doch selbst dieser giftigste aller Giftpilze bietet schon die erste Hürde. Denn längst nicht alle Grünen Knollenblätterpilze werden auch als solche erkannt. Meistens wähnen weniger Kundige den Gelben Knollenblätterpilz Amanita citrina als den vermeintlichen Mörder, einfach deshalb, weil sie den Grünen noch nie gesehen haben. Der ist so häufig nämlich gar nicht. 
Und der Gelbe ist nicht giftig. Er riecht und schmeckt nur eklig nach Kartoffelkeller. Pech für Sie, Glück für Schwiegermammi. Natürlich könnte man auch die beiden giftigen weißen Knollis (Amanita verna und A. virosa) nehmen. Aber erstens sind die hier zu Lande noch viel seltener und außerdem - siehe oben: Onkel Doktor wird sie wahrscheinlich retten. 

Dann wäre als kaum weniger übler Geselle zur Beimischung und zur Wirkungsverstärkung der Orangefuchsige Raukopf (Cortinarius orellanus) oder der Spitzgebuckelte Raukopf (Cortinarius rubellus, syn. C. speciosissimus) zu nennen. Diese beiden tödlich giftigen Arten haben es wahrlich in sich mit ihrem zerstörerischen Nierengift. Leider sind auch sie vergleichsweise selten und mit zahlreichen, oft sogar ziemlich ähnlich aussehenden Arten zu verwechseln. Will heißen, ein Anfänger erkennt sie nicht, ein Kundiger nimmt sie nicht wegen der oben erwähnten unsicheren Wirkung auf Schwiegermammis unerwünschte Lebendigkeit. 
Es nützt Ihnen ja nix, wenn die Nierchen der Dame hin sind, die Besitzerin selbst aber nicht.
Aber wenn man Cortinarius orellanus  und Amanita phalloides zusammen kochen würde... wer weiß... Ich meine, es müsste der Dame ja auch noch schmecken, damit sie sich die erforderliche Dosis freiwillig oral reindreht.

Bliebe noch die Frühjahrslorchel (Gyromitra esculenta). Die ist in der Tat ziemlich giftig, zumindest roh. Man müsste sie daher - um eine sichere Giftwirkung zu erzielen - auf jeden Fall ungekocht verzehren. Daher scheidet sie als Beimischung zum ultimativen Schwiegermutter-Cocktail schon deshalb aus, weil sie im Gegensatz zu den meisten anderen Giftpilzen, im zeitigen Frühjahr wächst. Und Trocknen oder Kochen würde ihr Gift - das Gyromitrin - leider, leider, weitestgehend zerstören.

Tja, was hätten wir nun noch im Angebot...?
Der Riesenrötling (Entoloma sinuatum) und der Tiger-Ritterling (Tricholoma pardolatum) gelten als ziemlich stark giftig. Doch kann ich Ihnen versichern, das die - i.d.R. ohne weitere Folgen - wieder draußen sind, bevor Sie ihren Teller leergelöffelt haben.

Trichterlinge und Rißpilze... ja, die können von Fall zu Fall schon mal ein bisschen reinhauen. 
Nur: Kaum einer kann sie voneinander unterscheiden. Und wollen Sie denn wirklich das Risiko eingehen, Ihren Gift-Cocktail mit essbaren Pilzen zu verdünnen?

Bliebe als vorletztes Mittel noch der Kahle Krempling Paxillus involutus. Er soll ja potenziell tödlich giftig wirken können. Ich glaube das nicht. Nie und nimmer. So richtig bewiesen ist das nämlich keineswegs. Außerdem: Je weiter Sie gen Osten reisen, desto zentnererweise wird er gegessen, ja sogar auf den Märkten verkauft, zeitweilig in gigantischen Mengen. 
Er müsste auf jeden Fall roh den Knollis beigemischt werden, dann könnte er wenigstens seine hämolytische (= blutzersetzende) Wirkung entfalten.

Von der Beimischung von Fliegen- und Pantherpilzen raten wir ganz entschieden ab. Wenn Schwiegermammi tatsächlich so böse ist, dass Sie sie loswerden wollen, dann könnten diese Charaktereigenschaften durch die Ibotensäure und das daraus entstehende Muscimol möglicherweise noch verstärkt werden. Dass heißt, dass die Dame vielleicht handgreiflich wird gegen die Krankenschwester und den Doktor und seine teuren Instrumente und Sie müssen dann für den von ihr im cholerischen Vollrausch angerichteten Schaden auch noch aufkommen. 

Ach ja, und dann gibt es ja noch diese neumodischen "Giftpilze" wie z.B. den Grünling, die Nebelkappe oder den Büschelrasling, alles Pilze, die seit Urzeiten gegessen wurden und die heute giftig sind... Oder diesen exotischen Parfümtrichterling, der so saugefährlich sein soll, dass schon heute von interessierten Kreisen die entsprechende Sensibilisierung zu erreichen versucht wird. Manche sollen sogar schon für die große Stunde trainieren, in der in der der bislang in Japan heimische Clitocybe acromelalga zum ersten Mal in Deutschland auftauchen und uns alle zusammen ins Grab befördern könnte. Wahrscheinlich kommt er dann in Begleitung der Schwarzen Witwe oder der Sandviper. Die Arachnologische Gesellschaft denkt sogar bereits über die mögliche Ausbildung und den Einsatz von Spinnensachversändigen (SSV) nach, um dem Volk aufzuzeigen, in welcher Gefahr es in Wirklichkeit schwebt. Mehr über die mannigfach drohenden Gefahren in deutschen Wäldern hier. Also ich kann die Warnungen gut verstehen, Eis- und Wärmezeiten kommen und gehen ja mit einem Speed, der den der Kontinentaldrift noch übersteigt. 
Trotzdem sollten Sie sich keinen falschen Hoffnungen hingeben: Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie ihre ungeliebte Verwandte mit eingebürgerten Exoten über den Jordan befördern könnten, ist entschieden geringer, als wenn die Dame in der nächsten Minute von einem Terroristen erschossen wird.

Zusammenfassend möchte ich betonen: Wenn ich jemanden wüsste, dem ich die teuflischste aller möglichen Pilzmahlzeiten zubereiten und unterjubeln wollte, ich hätte kein sicheres Rezept zur Hand. Jedenfalls würde ich es nicht mit Pilzen versuchen.
Um daher abschließend auf die zweitwichtigste all Ihrer Fragen zurückzukommen: Pilze sind als Mordwaffe denkbar ungeeignet. Manche können hingegen sehr wohl eine dauerhafte Einschränkung Ihrer Gesundheit zur Folge haben. Aber das ist zum einen wohl nicht in Schwiegermuttermörders Interesse und zum anderen nicht planbar. 
Der erwünschte Todesfall ist hingegen nur bei entsprechender Disposition zu erwarten oder wenn Sie nachhaltig verhindern können, dass ein Doktor rettenderweise Hand an die Dame legt.

Kleiner Tipp für die, die weder sterben noch morden wollen:
Pilzsammler sollten die allergiftigsten Pilzarten wirklich aus dem Stand und in JEDER Erscheinungsform kennen. Das ist schon die halbe Miete, wenn Sie selbst welche zum Essen sammeln wollen. Alle übrigen Giftpilz-Arten - wie z.B. ein Rißpilz oder der mit Alkohol zusammen giftige Faltentintling Coprinus atramentarius -
können durchaus sehr unangenehme Wirkungen haben, werden Sie aber mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht für den Rest des Lebens außer Gefecht setzen.

Eingangsseite    .    Südeingang    .      .  Index der Fachbeiträge  .  Mail an info(at)tintling.com